Entwicklung und Bedeutung der Krawatte in Deutschland

Der geliebte und gleichzeitig verhasste „Kulturstrick“, den wir heute unter dem Namen Krawatte oder auch Schlips oder Binder kennen, hat erwiesener Maßen seine Wiege – wie kann es anders sein - bereits in der Hochkultur des alten Ägypten.
Dort trugen sowohl der König, die Priester und weitere hochrangige Aristokraten ein meist rechteckiges Stück Stoff um den Hals und die Schultern, dass mit verschiedenen geometrischen Zeichen versehen die Größe ihrer Macht symbolisierten sollte. Von hier aus unternahm das krawattenähnliche Gebilde seinen allgemeinen Siegeszug um die Welt und kam nun auch nach Europa.
Die Phönizier betrachteten dieses Tuch als typischen Bestandteil ihrer Kleidung und legten dabei großen Wert auf grelle und bunte Farben.
Auch römische Soldaten trugen ein langes und schmales Stück Stoff um den Hals, dass unserer modernen Krawatte von heute durchaus ähnlich sieht und damals „Focale“ genannt wurde. Es wurde im Laufe der Zeit in vielen Teilen der Welt zum festen Bestandteil militärischer Kleidung. Sogar im weit entfernten China fand man 7500 lebensgroßen Terrakotta-Soldaten, die den tyrannischen Herrscher Shih Huang Ti in seinem Grab beschützen sollten, mit einem langen und schmalen Stück Stoff um ihren Hals dargestellt, das einer Krawatte ähnelte.

Im 16. und 17. Jahrhundert veränderte die Krawatte ihr Erscheinungsbild grundsätzlich. Sie bestand aus einem sehr fein gewebten Stück Stoff und wurde zweimal um den Hals geschlungen und mit einem großen Knoten locker befestigt. Die beiden Enden wurden nun entweder in ein Knopfloch im Jackett gesteckt oder mit einer Nadel oder einer Krawattenklammer befestigt. Schon vor der französischen Revolution war die höfische Krawatte bereits ein absolutes Statussymbol für Macht und politische Überzeugung.
Zwar waren Krawatten bisher eher ein Symbol für Stolz und Männlichkeit, doch zunehmend fand diese Mode auch Zugang zur Reitbekleidung adliger Damen und verbreitete sich von Frankreich und England über ganz Europa auch nach Deutschland.
Krawattenforscher bestätigen immer wieder, dass dieses halstuchartige Gebilde zu allen Zeiten ein fester Bestandteil soldatischer Kleidung in Europa war, während Künstler und andere „Freigeister“ demonstrativ auf dieses Statussymbol verzichteten. Im 19. Jahrhundert erschienen in England und Frankreich sogar entsprechende Lehrbücher, um die korrekte Krawattenbindetechnik zu vermitteln. So kreierte man zum Beispiel den so genannten klassischen Four-in-hand-Knoten, der charakteristisch eine edle und schmale Silhouette hatte und eine ganze Krawatten-Epoche prägte.

Die deutsche Krawattengeschichte ist zwar in ihrer Entstehung mit der in Frankreich und anderswo in Europa eng verbunden, doch ist die Geschichte der Krawatte hier noch relativ jung und die Ahnenreihe dieses stilvollen Accessoires damit noch nicht sehr lang.
Auch hier erkennt man die Krawatte natürlich als eine Abwandlung des Schals oder Halstuches, das die Menschheit seit Beginn der Webkunst, ob als Zierde oder als Schutz vor Kälte und Wind, begleitete.
Trotzdem wurde die Krawatte bereits ab dem Kaiserreich von der Polizei oder anderen staatlichen Behörden zu verschiedenen Uniformen getragen. Das setzte sich bis in unsere heutige Zeit fort, wenn gleich sich auch der modische Trend der Krawatte bei der so genannten Ausgeh- und Dienstuniformen immer wieder veränderte.

Der Siegeszug der 1,20 bis 1,50 Meter langen Krawatte ist bis heute eigentlich nie abgerissen, obwohl sie zwischenzeitlich eher abfällig als „Kulturstrick“ bezeichnet wurde. Dabei adelte die Krawatte doch kein geringerer als der französische Schriftsteller Honoré de Balzac bereits mit den Worten: „Der Mann ist soviel wert wie seine Krawatte – das ist er selbst, durch sie verhüllt er sein Wesen, in ihr manifestiert sich sein Geist.“

Im Laufe der folgenden Jahre hielt die Krawatte sogar in der Damenwelt Einzug und wurde auch hier zu einem willkommenen modischen Statussymbol für selbstbewusste Frauen des 20. Jahrhunderts. Damals machte besonders Marlene Dietrich nicht nur den Hosenanzug sondern auch die dazugehörige Krawatte als modisches Accessoire in der Damenwelt populär und salonfähig. Dieser Trend ist bis heute erhalten geblieben und steht im kommenden Modejahr ganz im Zeichen jugendlich schmaler Damenkrawatten in allen erdenklichen Farben.

In den 1970er Jahren wurde die Krawatte wieder zum Symbol militärischer und staatlicher Macht in Deutschland und kam ab dieser Zeit auch als Uniformstück bei verschiedenen Polizeien zum Einsatz. Ebenfalls im Bahn- oder Busverkehr hielt die „Dienstkrawatte“ Einzug ins Berufsleben sowohl von Männern als auch Frauen.
Doch den sogenannten Krawattenzwang gab es nachfolgend ebenfalls noch in weiteren Branchen und Berufszweigen wie etwa bei Banken und Versicherungen oder Verkaufmanagern mit häufigem Kundenkontakt. Diese Businessmode war anfangs samt ihren Krawatten sehr steif und konservativ. Die Anzüge waren in der Regel dunkelblau, grau oder schwarz, die Hemden weiß oder hellblau und die Schlipse unifarben Rot oder Blau, sowie gestreift oder gepunktet.
Die Krawatte hielt nun auch Einzug in die moderne Club- und Partyszene der 60er Jahre und die meisten Promis erschienen auf Galan, Festivals oder zur Oscarverleihung in den großen Metropolen Paris, New York, Cannes oder München und Düsseldorf mit diesem mondänen „Kulturstrick“ namens Krawatte.
Nachdem darauf einige Krawattenmuffel-Jahre folgten, schaffte das legendäre Trendaccessoire mit Kultcharakter vor etwa zwei Jahren einen erneuten Durchbruch in der Modeszene. In den 90er Jahren wurde nun auch die Businessmode endlich peppiger, bunter und kreativer. Grundsätzlich war kein anderes Accessoire beim Mann jemals so vielfältig wie die Krawatte. Allerdings wählen Kenner ihre Krawatte mit Sorgfalt und Bedacht, denn sie sagt über ihren Träger weit mehr aus, als allgemein angenommen wird.
Auch heute noch gilt: im Business eher dezent mit feinen Streifen oder Pünktchen, in der Freizeit allerdings cool und lässig in prägnanten Farben. Man sieht die Krawatte wieder als das an, was sie tatsächlich sein soll – die persönliche Visitenkarte mit Stil und Nineau. Sie verhilft ihrem Träger in der Regel zu einer professionelleren Ausstrahlung. Dabei spielt der Preis eher eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind hingegen der Anlass und die Kombination von Sakko, Hemd, Krawatte und Hose. Bekannte TV-Moderatoren wie Johannes B. Kerner und Günther Jauch oder Sportler wie Oliver Kahn und Boris Becker avancierten in jüngster Zeit die schmale Krawatte aus hochwertiger Seide zum modischen Trendobjekt, das auch locker und leger geöffnet getragen werden kann und dem Mann von heute zu Eleganz und Stil verhilft.
Man trägt den Schlips heute wieder mit Freude und voller Stolz. Er ist bisweilen sogar ein stilvolles Detail des „Gesamtkunstwerkes Mann“, dessen Würde noch durch die Farbe, das Motiv und einen formvollendeten Knoten besonders hervorgehoben und unterstrichen wird.

Die Krawatte ist zweifellos ein ausdrucksstarkes Modeattribut mit einer ganz persönlichen Note. Je ungewöhnlicher die Krawatte ist, umso mehr wird sie zum Zeichen angemessener Etikette und zum Kommunikationsgegenstand der meisten Gespräche, ganz gleich wo man sie auch immer trägt. Auch die Befreiung vom allgemeinen Krawattenzwang, der heute überall zu verzeichnen ist, hat nicht das Ende des klassischen Binders besiegelt. Große und namhafte Hersteller in Deutschland und ganz Europa verzeichnen immer noch eine große Nachfrage nach diesem schmückenden Kultobjekt namens Krawatte.
Im kommenden Winter 2009/2010 sind offenbar neben Grün, Gold und Anthrazit auch Beerentöne in der Farbpalette sehr beliebt. Die Krawatte selbst wird dabei wieder klassisch schlank und schmal. Auch die elegante Abendkrawatte aus schmal geschnittenem Leder ist wieder „IN“ und sehr beliebt. Da sie vielseitig und zu jedem Anlass Verwendung findet, stellt die Krawatte natürlich auch ein ideales Geschenk dar, dass allerdings Menschenkenntnis und Feingefühl verlangt.

Derweil kreieren aktuelle Krawattendesigner und Trendsetter des 21. Jahrhunderts die ausgeflippte Fantasie-Krawatte der Zukunft. Hier muss das bevorzugte Material durchaus nicht immer Seide sein. Schier grenzenlos sind die Ideen die im Resultat manchmal nur noch die Verwendung als Krawatte erahnen lassen. Materialien wie Draht, Papier oder Plastik finden hierbei Verwendung, lassen allerdings die Frage offen, ob diese Absonderlichkeiten jemals den Weg um den Männerhals von heute und damit in den Kleiderschrank finden werden.

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