Entwicklung und Bedeutung der Krawatte in Italien

Italien ist heute der führende Krawattenhersteller der Welt. Die Geschichte der Krawatte, wird hier auf ähnliche Art erzählt wie im Rest Europas. Auch die Italiener betrachten ein Halstuch, dass vor Kälte schützen sollte als Vorläufer der Krawatte. In Italien ist die Sage verbreitet, dass in den dreißiger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts ein Soldat aus dem benachbarten Kroatien, als er in den Krieg ziehen musste, von seiner Freundin zum Abschied ein Halstuch umgebunden bekam. Das sollte er als Zeichen der Verbundenheit mit ihr während aller Feldzüge tragen. Der Soldat konnte das Tuch vor seinen Kameraden nicht verbergen und bald trugen alle kroatischen Soldaten um den Hals gebundene Tücher.

Die kroatische Armee kam nach Österreich und auch nach Italien und wurde überall für ihre kämpferischen Fähigkeiten bewundert. Die Binder, die die Soldaten um den Hals trugen, wurden im Ausland, also auch in Italien, Kroate genannt, woraus später das Wort Krawatte (italienisch Cravatta) entstand. Die erste Krawatte, die in Italien getragen wurde, war demzufolge ein Halstuch. Nachdem sich auch der französische König für eine Krawatte interessiert hatte, weil er sie bei einer Truppenparade an der auch kroatische Soldaten teilnahmen gesehen hatte, kam die Krawatte ganz Europa schnell in Mode. Während die kroatischen Soldaten eine farbige Krawatte getragen hatten, setzte sich im barocken Italien für die Krawatte die Farbe Weiß durch, die hier als besonders schick galt.

Schnell verlor die Krawatte bei den Italienern ihre ursprüngliche Funktion, den Kehlkopf zu wärmen. Eine Krawatte wurde bald nur noch zu dekorativen Zwecken getragen, was bis heute so geblieben ist. Schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts kam in Italien die fertig genähte kurze Krawatte auf, die nicht mehr gebunden werden musste, sondern hinten verschlossen wurde. Doch an die industrielle Herstellung der Krawatte war damals noch nicht zu denken. Die Krawatte in der heute bekannten Form hielt in Italien erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl in der Herren- als auch in der Damenmode Einzug. Frauen trugen oft eine Krawatte an hochgeschlossenen Blusen unter Kostümjacken. Zu dieser Zeit, als sich die längere schmale Krawatte als Bekleidungszubehör durchzusetzen begann, wurde in Italien der Grundstein für die industrielle Produktion der Krawatte gelegt.

1914 eröffnete der italienische Unternehmer Eugenio Marinella in Neapel einen Modesalon in bester Lage. Für Frauen sollte es später sogar sportliche Kleider mit einer Krawatte geben. Doch dieser Salon widmete sich nur der Herrenmode. Der Laden wurde zur Wiege der heute populären, italienischen Krawatte für den Herren. Bei Marinella wurde zunächst Herrenbekleidung geschneidert und verkauft. Um sein Sortiment zu erweitern und neue Anregungen für Entwürfe zu erhalten, reiste Eugenio Marinella nach Paris und London. So kam es, dass er in London Krawatten erwarb, die der neuesten Mode entsprachen. Diese Schlipse konnten dann die Kunden des Herrenmodegeschäfts in Neapel erstehen. Zu dieser Zeit beschloss Marinella, den Stil der Kleidung eines Mannes von Welt zu ändern. Das sollte auch in der Verkaufsatmosphäre für die Krawatte Niederschlag finden, für die die Attribute Freundlichkeit, Verfügbarkeit und Respekt fortan im Vordergrund standen.

Auch die Lage seines Geschäftes an der eleganten Riviera di Chiaia in Neapel konnte in die neue Verkaufsphilosophie einbezogen werden. Hier pflegten die Herren der High Society Neapels spazieren zu gehen. Die Herrenkollektion des Hauses Marinella sollte zur Mode des eleganten Italieners werden. Der nur 20 Quadratmeter große Laden an der Riviera di Chiaia war inzwischen um zwei Schneiderateliers erweitert wurden. Das größere von beiden war der Herstellung von Westen, Hemden und Anzügen vorbehalten und im kleineren wurden Krawatten geschneidert. Von nun an waren die Kunden nicht mehr auf aus England eingeführte Krawatten angewiesen, sondern konnten eigens für sie entworfene Modelle erwerben. Die erste Krawatte von Marinella wurden sieben mal gefaltet, ein sogenannter seven folded tie, und erhielt so die nötige Steife und Festigkeit. Diese besondere Art der Herstellung einer qualitativ hochwertige Krawatte, hatte sich Eugenio Marinella jedoch nicht aus London, sondern aus Paris abgeschaut. Nach Italien zurückgekehrt unterrichtete er seine Angestellten darin auf Pariser Art eine Krawatte zu schneidern. Dazu ließ er extra Modeschneider aus der französischen Metropole kommen, die seine Mitarbeiter anlernten.

Trotzdem war die kleine Firma zunächst noch vor allem auf die Herstellung von Hemden spezialisiert. Der Modesalon war zu einem Schmuckkästchen geworden, das an Herrenmodegeschäfte in London erinnerte. Der Modesalon blieb auch dann ein Symbol der Eleganz, als Eugenio Marinellas Sohn Luigi den Laden, den er von seinem Vater übernahm, weiter führte. Der Enkelsohn Maurizio atmete schon in seiner Kindheit die Luft der Ateliers und des Ladengeschäfts ein und setzte später die Philosophie seines Großvaters fort. Vor allem in Punkto Kundenbetreuung stand er ihm in nichts nach. Zur Weihnachtszeit bot er den Besuchern des Salons sogar Kaffe und Kuchen an, während sie auf die maßgeschneiderte Krawatte warteten. Diese heitere, leichte Atmosphäre des neapolitanischen Lebens, gepaart mit Noblesse und Eleganz bestimmt bis heute das Flair der italienischen Krawatte.

Die moderne italienische Krawatte, wie wir sie heute kennen, trat erst lange nach der Gründung des kleinen Krawattenateliers an der Riviera di Chiaia ihren Siegeszug an. Nachdem das Geschäft zwei Weltkriege überstanden hatte, fassten die Inhaber den Mut, keine Oberbekleidung für Herren mehr herzustellen, sondern sich ausschließlich der Produktion und dem Design der Krawatte zu widmen. Diese Entscheidung erwies sich, nachdem weitere Jahrzehnte ins Land gezogen waren, als Volltreffer. In den 80er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, war Francesco Cossiga, ein enger Freund der Familie Marinella, italienischer Präsident. Er wurde zum Botschafter der italienischen Krawatte. Zu allen erdenklichen Anlässen trug er eine Krawatte aus dem Hause E. Marinella. Zudem überreichte er bei Empfängen und Staatsbesuchen in der ganzen Welt als landestypisches italienisches Geschenk immer eine Box, die fünf Krawatten von Marinella enthielt.

So erreichte die elegante italienische Krawatte weltweit eine außerordentlich hohe Popularität. Zehn Jahre später bot sich der Firma E. Marinella eine Gelegenheit, den Bekanntheitsgrad der italienischen Krawatte nochmals zu steigern, so dass sie weltweit zur „Nummer Eins“ wurde. Anlässlich des G7-Gipfels in Neapel 1994 beschlossen die Organisatoren der Veranstaltung, jedem Teilnehmer eine Geschenkpackung mit sechs Krawatten von Marinella zu überreichen. Das brachte der Marke Marinella erneut eine sehr hohe Publizität in allen Teilen der Welt ein.

Bis heute hält bei den modebewussten Männern fast aller Herren Länder die Liebe zur Eleganz und Qualität bezüglich der Krawatte an. Alle Versuche, auch in Italien, die Krawatte als überholt, dekadent und beengend zu disqualifizieren, scheiterten bisher, weil sich dem besonderen Flair dieses Accessoires in der Realität kaum jemand zu entziehen vermag. Ein weiterer Grund für die ungebrochene Beliebtheit der Krawatte ist der hohe Anspruch an das Material und das Design, dem die Krawatte des Hauses E. Marinella gerecht wird. Die italienische Krawatte von E, Marinella trat ihren Siegeszug, angefangen in den Vereinigten Staaten, bis hin nach Japan an. Inzwischen betreibt die italienische Firma E. Marinella Salons in Frankreich, Griechenland, Japan, Monaco, Spanien, der Schweiz, Großbritannien und den USA. Der Hauptsitz des Modeunternehmens, das sich bis heute ausschließlich der Herstellung der Krawatte widmet, liegt jedoch nach wie vor in Neapel, an der Riviera di Chiaia.

Seitdem Marizio Marinella der Haupteigner des Unternehmens E. Marinella ist, gilt Marinella als Luxus Marke. Politiker wie Bill Clinton, Boris Jelzin und der ägyptische Präsident Mubarak besitzen eine italienische Krawatte aus dem Hause Marinella. Dem Unternehmen kommt die Schlüsselstellung für die Entwicklung und Bedeutung der italienischen Krawatte zu. In Italien gibt es sogar eine Reihe von Geboten und Verboten, die die Krawatte betreffen. So dürfen italienische Senatoren nicht ohne Krawatte im Senat erscheinen. Marinella ist heute der wichtigste Krawattenproduzent überhaupt und hat Italien zum führenden Krawattenhersteller der Welt gemacht.

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