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Die Entwicklung der Krawatte in der Schweiz
Krawatten und ihre Geschichte in der Schweiz
Für viele gilt die Schweiz als kleines, ruhiges Paradies im Herzen von Europa. Hohe Berge, wunderschöne Seen, idyllische Landschaften, moderne Städte und freundliche Menschen. Wer an die Schweiz denkt, der denkt auch an Präzisionsuhren, Käse und Schokolade, Wintersport und vor allem an viel Geld und weniger an eine Krawatte. Aber wie jedes Land in Europa, so hat auch die Schweiz eine ganz besondere Entwicklung hinter sich gebracht. Das gilt nicht nur für die Technik und den Fortschritt, sondern auch für die Mode.
Die Schweiz, ein Land mit Traditionen
Die Schweiz ist ein Land in dem Trachten schon immer eine ganz besondere Rolle gespielt haben. Die Tracht war eine Art Erkennungszeichen, aus welchem Kanton man stammte und welche Rolle in der sozialen Rangordnung eingenommen wurde. Schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts trugen die Menschen in der Schweiz eine Art Tracht. Der Schweizer Nationalheld Wilhelm Tell trug eine Art Bauernkittel mit Kapuze, eine knielange Hose und grobe Holzsandalen. Dazu eine Art Halstuch, denn eine Krawatte gab es zu dieser Zeit natürlich noch nicht. Im 14. Jahrhundert teilte sich die Mode in arm und reich. Wer Geld hatte, konnte sich in Pelze, Purpur und Seide kleiden. Bei den Herren kam ein Vorläufer der Krawatte in Mode. Dabei handelte es sich um einen langen Schal aus Seide, der einfach um den Hals geschlungen oder auch geknotet wurde. An dieser Krawatte wurde als eine Art Statussymbol ein Schmuckstück befestigt.
Die Entwicklung der Tuchwebereien
Ein Jahrhundert später begann das Zeitalter der Berner Tuchwebereien. Die Schweiz wurde autonom, was die Stoffherstellung anging, und war nicht länger auf Stoffe aus Italien und Spanien angewiesen. Das war auch in der Mode spürbar, besonders die Herren begannen sich fantasievoll zu kleiden. Waren der ärmeren Landbevölkerung die dunklen und gedeckten Farben wie Braun, Schwarz und Grau vorbehalten, so kleideten sich die Menschen in den Städten farbenfroh und aufwendig. Es war ein normales Bild in den Straßen von Zürich oder Bern, dass die Herren als Zeichen ihres Reichtums rote, gelbe und grüne Schals und Tücher aus schimmernder Seide trugen. Diese Mode hatte schon wesentlich mehr mit der Form einer Krawatte zu tun, denn es wurden bereits kunstvolle Knoten gebunden. Obwohl die Stoffe nicht mehr aus dem Ausland kamen, war dieser Modestil, was die Krawatte betraf, doch von der französischen und italienischen Mode beeinflusst.
Im 17. Jahrhundert erlebten die Schweizer Trachten eine Art Renaissance. Die ländliche Mode gewann wieder die Oberhand und auch die Herren kleideten sich wieder in den Farben ihrer Kantone. Statt eines buntem Seidentuchs oder einer Krawatte wurden jetzt wieder einfach Wollfäden zusammengedreht und als eine Art Fliege getragen. Allzu bunte Farben galten hingegen als vulgär und zu auffällig.
St. Gallen, Textiles Zentrum der Schweiz
Anfang des 18. Jahrhunderts etablierte sich St. Gallen als die Textilstadt in der Schweiz. Besonders feine Spitzen kamen in Mode, die in den Werkstätten in St. Gallen von Hand genäht wurden. Diese Spitzen fanden eine mannigfache Verwendung, unter anderem wurden sie als Manschetten getragen und auch als Einsatz im Hemdkragen. Diese kurze Krawatte war allerdings nicht nur in der Schweiz sehr populär, sondern wurde in allen vornehmen Salons in ganz Europa getragen. Zeitgleich begann man im Schweizer Kanton Aargau damit, in großem Umfang Seide zu verarbeiten. Dies hatte zur Folge, dass in der Herrenmode schmale Bänder als eine kurze Krawatte getragen wurden. Aber auch bedruckte Baumwollstoffe kamen in Mode, sie waren besonders bei den Festtagstrachten auf dem Land sehr beliebt. Die Männer begannen eine schmale Krawatte zu tragen, die mit unterschiedlichen Motiven bedruckt war. Meist wurde die Krawatte mit einem ländlichen Motiv bestickt, schneebedeckte Gipfel, Alpenblumen oder auch Hinweise auf den Beruf des Trägers der Krawatte waren zu sehen. Der Jäger trug das Hirschgeweih auf seiner Krawatte und die Krawatte des Bierbrauers schmückte eine Hopfendolde.
Mit dem Dandy – Stil kam die modische Wende
Das Ende des 18. Jahrhunderts brachte auch eine Wende in der Herrenmode. Der sogenannte Dandy Stil wurde modern. Seine Ursprünge hatte dieser Modestil in England und auch die sonst so zurückhaltende Schweiz passte sich dieser Mode an. Die Krawatte stand damit plötzlich im Mittelpunkt. Bevorzugt wurde die Krawatte jetzt mit einem sehr breiten Knoten getragen. Die Krawatte wurde, wenn man so will, zu einem Markenzeichen. Zu einem markanten Hemd mit hohem Kragen und abgerundeten Ecken trug der modebewusste Schweizer Herr eine Krawatte aus reiner Seide, eine gestreifte Krawatte oder eine Krawatte mit Punkten. Selbst zum Frack, zu dem normalerweise immer eine Fliege getragen wird, trug man eine Krawatte. Die Krawatte war allerdings kurz und hatte nichts von der heute üblichen Krawatte. Bezeichnend war der sehr große Knoten der Krawatte, das obere Teil war schmal und zum Ende hin verbreiterte sich die Krawatte wieder. Die Krawatte stand im Zentrum der Herrenoberbekleidung.
Krawatte vs. Fliege
Im 19. Jahrhundert verlor die Krawatte für die Schweizer Männer wieder an Bedeutung. Mehr und mehr wurde der Querbinder, also eine Art Fliege modern und löste die Krawatte ab. Der Hintergrund war mehr praktischer Natur. Die Jahrhundertwende war auch das Zeitalter der Forschung und der Wissenschaft. Es waren die Wissenschaftler, die der Fliege den Vorzug vor der Krawatte gaben. Und das hatte seinen Grund, denn beim Experimentieren mit chemischen Stoffen wäre eine Krawatte ständig im Weg gewesen und dies hätte unter Umständen sogar gefährlich werden können. So trug man statt einer Krawatte im Labor lieber einen Querbinder.
Aber auch eine andere Berufsgruppe in der Schweiz verzichtete auf die Krawatte und wählte stattdessen lieber eine Fliege und das waren die Amtspersonen. Es wirkte nicht respektvoll genug, wenn ein Richter oder ein Staatsanwalt eine Krawatte trug. Eine Fliege machte in diesem Fall wesentlich mehr aus. Die Krawatte verschwand fast aus der Modewelt der Schweizer Männer. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Krawatte in der Schweiz wieder modern. Ausgelöst wurde dieser Boom durch die zahlreichen Flüchtlinge aus ganz Europa. Die Herren trugen eine Krawatte zum Anzug und so dauerte es nicht lange, bis die Schweizer Männer sich wieder zur Krawatte bekannten.
Die Krawatte in der heutigen Schweiz
Heute bevorzugen die Schweizer eine sportliche und praktische Mode. Natürlich gehört für den gut gekleideten Schweizer Herren auch eine Krawatte zum Anzug. Im Geschäftsleben in den großen Städten wie Zürich, Genf oder Bern ist es selbstverständlich eine Krawatte zu tragen. Trotzdem sind die Schweizer im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eher „Krawattenmuffel“. Anders als zum Beispiel die Männer in England, wo Krawatten einfach zum guten Stil und zum Alltagsbild gehören. Allerdings ist das Tragen von Krawatten in der Schweiz auch von Kanton zu Kanton verschieden. Im französischen Teil der Schweiz und auch im italienischen Teil sind Krawatten etwas Normales. In den eher ländlichen Kantonen in den Alpen wie beispielweise im Appenzeller Land oder im Engadin tragen die Männer wesentlich weniger Krawatten. Hier spielt das Tragen der Kantons Trachten auch heute noch eine sehr große Rolle. Und zu einer echten Schweizer Tracht passt nun einmal keine Krawatte.

















