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Macht- und Einflussbereich der Krawatte
Die Krawatte im 19. Jahrhundert: Inbegriff von Eleganz
Mit der Industrialisierung wuchs die Anzahl derer, die am Fließband und in der Produktion arbeiteten. Die in England und Amerika „Blue Collar Jobs“ genannten Tätigkeiten, anspielend auf den Blaumann, den die Arbeiter bei ihrer Arbeit trugen, bezeichnete alle Arbeiten handwerklicher Art. Wer hingegen das Glück hatte, einen Bürojob in der Verwaltung dieser Fabriken auszuüben, wurde „White Collar“ genannt, also weißer Kragen. Tatsächlich wurden die Unterschiede in den Tätigkeiten auch in der Kleidung deutlich. Die Büroarbeiter trugen Anzug, weißes Hemd und Krawatte.
Die Revolution in der Herstellung der Krawatte
Anders als die Krawatte im 18. Jahrhundert, ließ sich die Krawatte des 19. Jahrhunderts nun leichter binden. Sie war auch nicht mehr so aufwändig gefertigt. Zunehmend wurde auch ihre Form schlanker und schmaler. Die Problematik, eine Krawatte so zu binden, dass sie nicht zu sehr Falten warf, wurde schlagartig verbessert, als der Amerikaner Jesse Langsdorf die Fertigung der Krawatte änderte. Er schnitt den Stoff nun in Längsrichtung zu und setzte die Krawatte aus drei verschiedenen Teilen zusammen. Der Effekt: Da die Krawatte nunmehr in gleicher Richtung wie der Fadenverlauf gebunden wurde, blieb sie länger schön und der Stoff knitterte weniger. Außerdem übte der Knoten der Krawatte keinen so großen Druck auf das empfindliche Krawattenmaterial mehr aus. Bis heute werden Krawatten auf diese Weise gefertigt.
Ausdruck von Individualität: die Krawatte des 19. Jahrhunderts
Aufgenommen wurde die Bürokleidung in steifem Anzug und Krawatte auch von den Dandys, die sich in unauffälliger Eleganz kleideten. Sie legten besonderen Wert auf maßgefertigte Kleidung von höchster Qualität, auf edelste Stoffe und beste Verarbeitung. Klassisch-elegante Farben wurden von ihnen bevorzugt. Niemals im Leben hätten sie eine farbige Krawatte getragen.
Bei Büroangestellten wie Dandys jedoch überwogen im 19. Jahrhundert dunkle Anzüge, weißes Hemd, Krawatte und Weste. Nur die letzeren beiden konnten von Büroangestellten variiert werden. Die Krawatte wurde manchmal gewechselt, die Weste gegen eine gemusterte oder andersfarbige ausgetauscht. Bei der Krawatte waren auch farbige Töne zulässig.
Die Mitte des 19. Jahrhunderts: Vatermörder und Krawatte als politisches Symbol
In den 1840er Jahren kam dann der unbequeme Vatermörder in Mode. Den Namen trug dieser hohe, sehr enge Hemdkragen zu Recht: Er schnürte die Hälse der Büroangestellten stark ein und war deshalb nicht sehr beliebt. Aufgrund seines adretten und korrekten Aussehens jedoch wurde er zwar widerwillig aber dennoch häufig getragen.
Seiner politischen Gesinnung verlieh man in dieser Zeit mit seiner Krawatte Ausdruck. Konservative und Biedermeier trugen weiterhin Halstücher, Intellektuelle und Künstler trugen schwarze Krawatten und lässige Tücher. Wer politisch und sozial engagiert war, trug indes eine schwarz-rot-goldene oder rote Krawatte wie die Vormärzvertreter.
Eines jedoch wurde mehr als deutlich: Für Schnickschnack und unnötige Verzierungen wie im 17. und 18. Jahrhundert war in Zeiten der Industrialisierung kein Platz mehr. Die Männer beschäftigten sich mit Büro, Wirtschaft und Finanzen und nicht mehr vorrangig mit ihrem Aussehen.
Die Krawatte des 19. Jahrhunderts: Macht, Einfluss und Bedeutung
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Arbeitsteilung durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert und die damit entstandene Diversifizierung in den Tätigkeiten auch die damalige Gesellschaft verändert hat. Noch heute gibt es typische Krawattenträger und Krawattenverweigerer.
Vor 100 Jahren erkannte man wie heute denjenigen, der einen warmen, sauberen Bürojob hatte, an Anzug und Krawatte. Auch wenn das Krawattentragen in manchen Büros heute nicht mehr zur Pflicht gehört, so ist es doch in Branchen wie Justiz, Bankenwesen und in Managementebenen, wenn auch nicht immer vorgeschrieben, so doch erwünscht und Usus.
Höchst Interessant: Die Krawatte gilt auch als Symbol für gute oder schlechte Zeiten. Aber dazu später.
Die Bedeutung der Krawatte im 20. und 21. Jahrhundert
Eine Studie belegt, dass sich an der Krawattenmode auch der Zustand der Wirtschaft ablesen lässt. Wie das? Nun, ändert sich die Mode, wird die Krawatte schmaler oder breiter, ändert sich auch die Gesellschaft. Die New Economy brauchte keine Krawatte, mit ihrem Niedergang allerdings kommt die Krawatte wieder. Die Krawatte ist Ausdruck politischer Anschauung, individueller Ansichten und Ausdruck von Männlichkeit. Es sind also drei Gründe, die den Mann von Welt bewegen, sich eine Krawatte umzubinden.
Die Macht der Krawatte
Um die Jahrtausendwende herum wurde von führenden Wirtschaftszeitungen wie dem Handelsblatt und der Financial Times der Dress Code für das Management gelockert. Easy Look war nun in. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass der große Verlierer in diesem Spiel die Krawatte ist. Aber weit gefehlt. Schnell wurde zu legere Kleidung wieder verpönt. Außer vielleicht in der New Economy merkten die Einzelnen schnell, dass Anzug und Krawatte auch Seriosität und Autorität verleihen. Wer als Geschäftsführer in Jeans und T-Shirt verhandelte, holte oft weniger heraus als der gestandene Businessmanager in Anzug und Krawatte.
Doch auch die Krawatte allein verleiht nicht Seriosität. Ist sie selbst gebatikt, zu bunt und laut, fleckig oder zu modern, will sagen aus Materialien wie Holz oder Metall, ist sie ebenso tabu im Business wie ein bunt bedrucktes Freizeit - Shirt.
Die Krawatte verleiht unbestritten Autorität und Macht, aber nur, wenn sie elegant und dezent aussieht.
Die Krawatte und der Dress Code
In den Jahren 2000 und 2001, just als der Easy Look sich etablierte, verzeichnete die Krawattenindustrie überraschenderweise neue Umsatzrekorde. Krawattenfans begründen dies mit dem Verbot, eine Krawatte im Büro zu tragen, in innovativen Branchen wie der Computerindustrie oder Softwarebranche.
Doch wahrscheinlich ist niemand wirklich ernsthaft der Meinung, dass dies dazu führte, dass man sich als Ausgleich nun für private Zwecke umso mehr Krawatten kaufte. Nein, bis heute belegen Zahlen, dass 40 Prozent aller Herren nie eine Krawatte besessen haben und es auch nicht vorhaben, sich eine Krawatte zuzulegen. Allerdings sind die Käuferzahlen unabhängig von Moden über alle Zeiten relativ stabil geblieben. Wo eine Bewegung ist, ist immer auch eine Gegenbewegung. Je weniger das Tragen einer Krawatte Pflicht war, umso mehr Herren trugen sie, gerade weil sie keine Pflicht mehr waren.
Übrigens waren auch zu diesen Zeiten Krawatten beim Besuch eines Spielcasinos, bei Bankern, Rechtsanwälten und Kreditinstituten weiterhin vorgeschrieben. Die New Economy wollte sich vom Krawattenzwang befreien, um deutlich zu machen, dass sie mit dieser Art der Old Economy nichts zu tun hat. Ein früher Revolutionär dieser Couleur war übrigens auch Joschka Fischer, der sich als Hessischer Umweltminister als Erster in Jeans und Turnschuhen vereidigen ließ. Das war allerdings bereits 1985. Heute trägt Joschka Fischer übrigens wieder gerne und fast ausschließlich Anzug und Krawatte.
Krawattenträger: Drei unterschiedliche Typen
In welcher Hinsicht eine Krawatte Macht und Einfluss bedeutet, zeigt sich allein schon an ihrem Aussehen. Je nachdem, welche Wirkung man erzielen möchte, sollte man tunlichst die passende Krawatte zum Outfit wählen. Im Groben unterteilt man die Krawattenkäufer in drei verschiedene Typen.
Krawattenträger Typ 1: liebt klassische Krawatten
Konservative Branchen und Manager tragen klassische Krawatten-Modelle. Gedeckte Farben, Streifen, Punkte sind hier vorherrschend.
Krawattenträger Typ 2: liebt auffällige Krawatten
Modische Herren tragen je nach Mode auch Pastelltöne und fliederfarbene oder rosafarbene Krawatten – wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Beispiel. Leider werden diese modischen Accessoires dann häufig mit ebenso modischen Hemden kombiniert – dem Stilexperten graust es. Wenn schon modische Krawatte, dann sollte bitteschön aber die übrige Kleidung klassisch-elegant und zurückhaltend sein.
Zu denjenigen, die auffällige Krawatten mögen, zählen auch die so genannten Krawattenrevoluzzer. Wer ist das? Krawattenträger, die nur aus Pflicht Krawatte zu Jeans und Freizeithemd tragen, beweisen oft besonderen Mut: Sie tragen nicht selten Geschenke von Kindern und Ehefrauen, die bei der Gestaltung der Krawatte selbst Hand angelegt haben. Was leider nur zu häufig auch schnell sichtbar wird. Gebatikte Pferde und Feen tragen nicht dazu bei, mittels Krawatte Seriosität und Autorität zu verleihen. Sie machen, pardon, nur lächerlich.
Krawattentyp 3: liebt kunstvolle Krawatten
Die dritte Fraktion der Krawattenträger sind die Dandys. Die sonnengebräunten, oft etwas älteren Herren, sehr gepflegt, mit kunstvoll gebundenen Krawattenknoten und passendem Seidentuch in der Jacketttasche findet man in Deutschland immer seltener. In Großbritannien hingegen sind sie häufiger anzutreffen.
Die Krawatte der Krise
Die Krawatte wird in schlechten Zeiten übrigens immer breiter. In guten Zeiten ist die Krawatte hingegen schmal.
Die schmale Krawatte
Erstmals tauchte die schlanke Version der Krawatte im 18. Jahrhundert auf. Zusammen mit ihr erblickte die Krawattennadel das Licht der Welt. Die Krawattennadel war nicht nur Befestigung, sondern zugleich auch Zierde, an der sich Geschmack und Reichtum des Krawattenträgers ablesen ließen. Noch heute werden von Vereinen und Clubs Ehrenkrawattennadeln in Silber oder Gold verliehen.
Kurz vor der Weltwirtschaftskrise 1928 war die Krawatte wiederum sehr schmal. In den Krisenjahren selbst hingegen wurde sie wieder breiter. Manche behaupten, sie fungiere in schweren Zeiten damit als Schutzschild.
Und heute? Momentan sind wieder schmale Krawatten in Mode. Eine Verbreiterung der Krawattenform ist nicht in Sicht. Ist dies also tatsächlich das verlässliche Anzeichen dafür, dass die Wirtschaftskrise der letzten Jahre vorbei ist? Die Zeit wird es zeigen.

















